Ist professionelles Schweizer Kulturschaffen unter den aktuellen Bedingungen überhaupt noch möglich?

Aktuell setzt sich Suisseculture zusammen mit seinen Mitgliedsorganisationen und weiteren Kulturverbänden in mehreren Kampagnen aktiv gegen die Halbierungsinitiative ein, die die SRG verkleinern will, vor allem aber das Schweizer Kulturschaffen und deren Sichtbarkeit abschaffen will. Die Initiative ist symptomatisch für die Angriffe gegen die Kultur und die Kürzungen im Bereich der Kultur, deren Resilienz erschöpft ist.

Professionelles Kulturschaffen ist kein romantisches Nebenprojekt, sondern Arbeit – mit Verantwortung, Sozialabgaben und Existenzrisiken. Wenn Förderbudgets real schrumpfen und Sichtbarkeit von Kultur wegbricht, kippt nicht „ein bisschen Luxus“, sondern eine ganze Arbeitsrealität.

Nach den Entbehrungen der Pandemie und den Streichungen von Kulturbudgets auf allen Ebenen seither, ist die Kultur in der Schweiz am Ende ihrer Kräfte angelangt.

Es stellt sich die Frage, ob in der Schweiz professionelles Kulturschaffen unter diesen Bedingungen überhaupt noch möglich ist.

Honorare und soziale Sicherheit

Die letzte Einkommensstudie von Suisseculture Sociale aus dem Jahr 2021 hat gezeigt, dass das Durchschnittseinkommen der Kulturschaffenden in der Schweiz seit 2016 kontinuierlich gesunken ist und unter dem Medianeinkommen von 40'000 CHF/Jahr liegt. Mit 3333 CHF pro Monat in der Schweiz zurechtzukommen ist nicht einfach. Geschweige dann eine Familie zu gründen, Kinder zu haben, ist nahezu unmöglich.

Kulturförderung ist zu einem guten Teil Lohn- und Honorarzahlung. Wer bei der Förderung kürzt oder den Kulturschaffenden den Teuerungsausgleich verweigert, spart unmittelbar bei den Menschen, die Kultur schaffen – und akzeptiert mehr Prekarität sowie weniger Vielfalt als „Normalzustand“.

Das häufig geführte Narrativ, dass Honorarhöhe und Anzahl geförderter Projekte dabei gegenläufig seien und dies nicht aufgelöst werden könne, ist eine Banalität und führt nur zu Verantwortungsdiffusion, bzw. macht in sich schon klar, dass die Schweizer Kulturförderung gar nicht darauf ausgerichtet ist, professionelle Kultur zu fördern.

Trotz der offensichtlichen Defizite hat die Politik bisher nur wenige symbolische Massnahmen vorgeschlagen.. Die Erkenntnis, dass in der Kultur vorwiegend atypische Arbeitsverhältnisse gelten, also solche, bei denen die Strukturen der bestehenden Sozialversicherungen zu wenig greifen, ist bald dreissig Jahre alt

Zusätzlich verändert die Künstliche Intelligenz unsere kulturellen Gewohnheiten. Die erste CISAC Studie [1] zu den Auswirkungen von künstlicher Intelligenz auf den Musikbereich und die Audiovisuelle Branche von 2024 stellt fest, dass Kulturschaffende im Bereich Musik bis 2028 mit Einkommenseinbussen von 24%, im Audiovisuellen Bereich bis 21% rechnen müssen. Ein aktuelles Beispiel, welches aufzeigt, dass KI bereits nicht mehr weg zu denken ist, betrifft Synchronsprecher:innen in Deutschland. Die Sprecher:innen streiken, weil Netflix – ohne zusätzliche Vergütung - eine KI-Klausel in die Verträge genommen hat, um ihre Stimmen für KI-Trainingszwecke zu verwenden [2]Solche Gegebenheiten verschärfen die Situation noch zusätzlich und verunsichern.

Kultur als Querschnittssektor

Kultur ist ein Querschnittssektor. Das zeigt auch das Entlastungspaket 2027. Die Kultur ist direkt oder indirekt von 22 Massnahmen des Entlastungspakets betroffen. Dieser Zusammenhang wird aber oft verkannt. Zu hören bekommen wir immer: Für die Kultur gibt es doch keine Kürzungen, nur das Einfrieren des Budgets auf dem heutigen Stand. Es wird dabei übersehen, dass dem bereits massive Kürzungen im Vorfeld vorausgingen und, dass zum Beispiel die Kürzungen im Bereich von Pro Helvetia dazu führen, dass massiv weniger Auftritte, Ausstellungen und Veranstaltungen von Schweizer Künstler:innen im Ausland durchgeführt werden können. Eine Streichung der Mittel bei den Auslandsmandaten der SRG, die unabhängig von der Halbierungsinitiative Teil des EP27 sind, macht das Schweizer Kulturschaffen zusätzlich im Ausland unsichtbar.

Dabei ist Kultur ein wichtiger Teil in vielen zivilgesellschaftlichen Bereichen und steht in einem Dialog mit Umwelt, Bildung und Forschung, Verkehr, Jugendförderung, dem Gesundheitssektor und weiteren Stakeholdern (z.B. Tourismus [3]) und zeigt ihre Stärke als Vermittlerin, Koordinatorin und Grundlage.

Auch hier fehlen aber Zahlen; Statistiken, welche das Kulturschaffen und seine Wertschöpfung im grossen Ganzen wirklich abbilden.

Creative Europe

 Pro Helvetia spielt eine wichtige Rolle für die Promotion Schweizer Kultur im Ausland. Aber das Budget von Pro Helvetia ist zu gering, um diese Aufgabe vollumfänglich zu meistern. Der Beitritt der Schweiz zu Creative Europe, ein Schritt, der immer wieder aufgeschoben wird, ist mehr als überfällig. Es ist jetzt an der Zeit, den Schweizer Kulturschaffenden und Kulturinstitutionen den Zugang und die Einbindung in die Kultur Europas zu ermöglichen. Zusätzlich braucht es die Vollassoziierung an alle drei für die Kultur wichtigen Programmen: Horizon, Erasmus+ und Creative Europe. Mit der Abstimmung über die Bilateralen III bietet sich genau jetzt ein Zeitfenster und die Möglichkeit an, diesen überfälligen Schritt nachzuholen.

Die Schweiz ist zu klein, um das Überleben für ihre Kulturschaffenden garantieren zu können und Kultur macht nicht an Grenzen halt. Was wäre Nemo ohne den Sieg beim ESC in Malmö? Warum spricht man über Roman Signer und Fischli&Weiss auch an einer Vernissage der ART-Basel in Hongkong oder Qatar und nicht nur in Zürich?

Die Kulturförderung soll aber nicht nur Leuchttürme unterstützen. Ein Leuchtturm ist noch keine kulturelle Vielfalt! Kulturelle Vielfalt braucht einen fruchtbaren Nährboden für eine nachhaltige Entwicklung. Er besteht aus drei Elementen: faire Honorare, verlässliche Sichtbarkeit im In- und Ausland und den europäischen Anschluss über Creative Europe. 

 

 

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